Menschen in Amt und Würden


Pfarrer


 

 

WORT AUF DEN WEG  

 

 

 

Liebe Leserin und lieber Leser!

 

Es gibt viel zu sagen, auch viel Wichtiges. Besonders, wenn Menschen wissen, dass sie nicht mehr viel Zeit haben. Wenn sie wissen, dass in absehbarer Zeit ein Abschied ansteht.

 

Kleine Abschiede – Kleine Abschiede früh morgens, wenn einige aus dem Haus gehen und andere sich auf den Tag im Haus einstellen: „Hab einen guten Tag!“

 

Es gibt viel zu sagen, auch viel Wichtiges. Besonders, wenn Menschen daran interessiert sind, was in der Welt los ist: In den Nachrichten mit kurzen Sätzen, kompakten Berichten, die Bundesliga Konferenzschaltung und auf Viva das Wichtigste über Stars und Sternchen.

 

Es gibt auch viel zu sagen, viel Wichtiges bei den großen Abschieden: Wenn jemand in eine andere Stadt zieht, ein anderes Land. Oder wenn jemand merkt, dass das Leben zu Ende geht. Den Menschen, die wichtig für das eigene Leben sind, gibt es viel zu sagen: Es war so schön mit dir! Lass uns unseren Streit begraben! Ich werde dich vermissen! Ich verzeihe dir!

 

Es gibt viel zu sagen, auch Wichtiges. Grundsätzliches über den Glauben, in den alten jüdischen Schriften, der Thora, in der Bibel, im Koran. Glaubenserfahrungen, Regeln, Gebete.

 

Auch Grundsätzliches in vielen Büchern über Gott und die Welt, Leben und Tod, Sinn und Sinnsuche: Ein Vers aus der sogenannten Feldrede wird durch Lukas von Jesus überliefert (Kapitel 6 Vers 36): „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“

 

Barmherzigkeit hat für mich etwas mit Warm-Herzig Sein zu tun. Zugewandt, großzügig, aufmerksam. Barmherzig ist nicht leichtgläubig oder naiv. Wenn ich barmherzig bin, dann stelle ich keine Rechnung auf, ob die andere es wert ist, ob der andere mir nützt. Wenn ich barmherzig bin, sehe ich, was da ist. Ich gucke auch auf das Liebenswerte beim Anderen, ich sehe auch seine oder ihre Not. Vielleicht ist sie schroff, weil sie überfordert ist. Möglicherweise ist er schlechter Laune, weil ihn etwas bedrückt. Barmherzig ist nicht, dass ich so tue, als ob es keine Fehler, Schuld oder Versagen gäbe. Barmherzig ist, die und den Anderen zu sehen, wie er und sie ist,

mit dem, was schräg ist, was wundervoll ist, mit dem, was gelassen und gut und mit dem, was gemein und schlecht ist.

 

Ich spüre in mir selbst Barmherzigkeit, wenn ich meine Macken, Schuld, Zugewandtheit und Launen merke, und mir so ehrlich ins Gesicht gucke und nichts beschönige. Im tiefsten Herzen geht das, wenn ein Mensch spürt, dass sie oder er so angenommen ist, wie er oder sie ist, dass Gott den Menschen ansieht: barmherzig, warm-herzig, mit dem Finsteren und Hellen. Und deshalb ist es möglich – immer mal wieder – sich selbst ehrlich anzusehen. Und trotz oder wegen allem zu sagen: Du bist rundherum ohne Wenn und Aber geliebt von Gott.

 

„Seid barmherzig.“ – mit Anderen und mit Euch selbst. Das ist eine wichtige Zusage.

 

 

 

Für drei Monate, liebe Leserin und lieber Leser, führe ich als Vertretungspfarrerin die administrativen Geschäfte Ihrer Kirchengemeinde. Einen herzlichen Dank an Herrn Pfarrer Brüning, der in diesem Jahr Ihr Vakanzvertreter war, an den Kirchenvorstand, an die Gemeinde und Andere, die mitgetan haben und an alle, die die Wochenvertretungen übernommen haben, Lektorinnen und Lektoren sowie Pfarrerinnen und Pfarrer! Das sind wenige und für mich wichtige Worte für Ihr großes Engagement.

 

 

 

Ihre Angelika Richter